ROYAL WINTON CHINTZ

So etwas konnte nur in England entstehen!
Mutwillig blumig bis unter den Rand, romantisch bis zum Überlaufen, verleugnet die Royal Winton Chintz Ware augenzwinkernd ihre adelige Herkunft und fügt sich ohne Arroganz in die rustikale Umgebung eines Cottages ein...
Zum Glück für uns, denn der englische Laden in der Ritterstrasse 40, Minden, ist so ein schiefes altes Häuschen, das sich wohl ein anglophiler Mindener Ureinwohner in grauer Vorzeit zum Andenken aus England mitgebracht haben mag.


Postkarte von Chapter & Verse für County Living Magazine:
"Kate`s Dresser" mit Royal Winton Chintz

Trotz seiner einzigartig liebenswert-naiven Ausstrahlung, ist die Chintz Ware aber durchaus nicht so harmlos, wie unsere arglosen Besucherinnen glauben mögen, denn sie hat eine geheimnisvolle magische Eigenschaft an sich, die ich eigentlich besser gar nicht verraten sollte...
Im Eingangsbereich unseres Ladens gut sichtbar präsentiert, testet sie zuverlässig und lückenlos die "Britishness" neuer Kundinnen.

Echte Engländerinnen gehen mit einem Lächeln und eventuell dem Kommentar "Lovely Chintz Ware" daran vorbei, das bedeutet  "Britishness at its best": Keine Angst vor Romantik, Humor bis auf den Grund der Tee-Tasse, Gelassenheit im Umgang mit Hochkarätigem.


Royal Winton Tasse, Dekor Old Cottage, Form Ascot

Furchtsame kontinentale Gemüter fühlen sich jedoch beim Anblick unserer blumigen Lieblinge auf Anhieb zu heftigen, lautstarken Mißfallens-Äußerungen provoziert. Das zeigt natürlich ganz klar "Britishness-Stufe Null": Angst beim Anblick von Blumen auf Porzellan, Todesangst, falls es sich um Rosen handelt, Kitsch-Phobie im fortgeschrittenen Stadium mit ausgeprägter Symptomatik.
"Haben Sie denn gar nichts Schlichtes?" heißt es dann.
"Nein, für das Schlichte sind wir nicht zuständig." lautet die stereotype Antwort.  "Schlichtes für die Schlichten und Kleinkariertes für die Kleinkarierten ;-)" denken wir dann noch, aber sagen es natürlich nicht und schreiben sollte ich es eigentlich auch nicht.

   
Royal Winton Chintz Dekore Old Cottage und Welbeck

Aber dann gibt es ja auch noch diejenigen Menschen, die durchaus keine Engländerinnen sind und auch nicht mit "Bed und Breakfast" groß geworden, deren angeborene, unerklärliche "Britishness" sie aber beim Anblick von Royal Winton Chintz wie ein Blitz durchfährt und sie die absolute Liebe auf den ersten Blick erleben läßt. Ergreifende Szenen spielen sich ab...nun gut, mehr sollte ich wirklich nicht schreiben und tue es auch nicht.


Typisch englische Stoffe

Die Geschichte der Chintz Ware läßt sich bis in das siebzehnte Jahrhundert zurück verfolgen, als aus Indien die köstlichsten Baumwolldruckmuster nach England importiert wurden, welche den englischen Porzellan- und Keramik-Manufakturen als kunstvolle Vorlagen zur Gestaltung ihrer herrlichsten Stücke dienten.


Repliken historischer Baumwolldruck-Dekore

Ursprünglich konnte sich ein solch aufwendiges Dekor auf der Tee-Tasse kein Normal-Sterblicher leisten. Es war Königen und Fürsten vorbehalten.
Seit 1820 jedoch, wurde die über und über mit Blümchenmustern verzierte Keramik, durch die -einzig von Winton noch heute angewandte Transfer-Technik- zum ersten mal für den bürgerlichen Haushalt erschwinglich.

Hierfür wird das Muster in bis zu vierzehn verschiedenen Arbeitsgängen Farbton für Farbton einzeln von Lithographie-Platten abgezogen und die frische Farbe Schicht für Schicht auf das Werkstück aufgebracht.
Diese Technik erfordert jahrelange Erfahrung, eine unglaublich ruhige Hand und starke Nerven. Um das Dekor auf die Welbeck-Teekanne aufzutragen, die wir auf der Eingangsseite abgebildet haben, benötigt ein erfahrener Handwerker zum Beispiel etwa eineinhalb Stunden Zeit.

Die höchste Blüte erreichte die Herstellung im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Damals setzte auch die Chintz-Sammelleidenschaft in den englischsprachigen Ländern ein, die bis heute ungebrochen ist. Unzählige Bücher und Webseiten zum Thema "Chintz Ware" zeugen von der Faszination, welche die Blümchen-Keramik auf Kultur-Historiker und Kunst-Kenner ausübt. Sammler-Clubs gibt es in England, Amerika und sogar Australien. Antiquitäten-Geschäfte präsentieren stolz Ihre alten Schätzchen und auf den großen Auktionen erzielt antikes Royal Winton Höchstpreise.


Schaufenster eines Antiquitäten-Geschäftes in Texas

Seit ihrer Gründung im Jahre 1885 durch Leonard Lumsden Grimwade, gilt Royal Winton als die Wiege des "modernen" Chintz.

"Royal" darf sich in England natürlich nur nennen, wer auch den königlichen Hof beliefert. Den Titel "Königlicher Hoflieferant" verdanken sie Queen Mary, die sich von Georg V. ein Chintz-Teeset gewünscht hatte, welches dieser persönlich für sie im Londoner Geschäft der Grimwades erwarb.

Noch heute liebt man am englischen Hof Winton Chintz, denn es fügt sich auch ohne falsche Bescheidenheit in das Ambiente eines Palastes.
Mit seiner heiter verspielten Ausstrahlung, die so gar nichts von steifer Würde hat, kommt es dort immer dann zum Einsatz, wenn es privat und gemütlich wird. Woher ich das weiß?
Ich mußte versprechen das nicht zu verraten ;-)

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